Orale Myiasis: Ätiologie, Pathogenese, Klinik, Diagnostik und Therapie

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Als Myiasis (Fliegenmadenkrankheit) bezeichnet man eine parasitäre Erkrankung, die durch Larven von Fliegen aus der Ordnung der Zweiflügler (Diptera) verursacht wird, die ihre Eier im Gewebe von Menschen oder Tieren ablegen.

Orale Myiasis stellt eine Untergruppe der Myiasis dar, die sich durch den Befall des Gewebes der Mundhöhle auszeichnet. Die Erkrankung ist selten, und eine adäquate Einschätzung der Prävalenz ist nicht möglich. In der Literatur werden in der Regel einzelne Fälle der Erkrankung beschrieben. Von 1990 bis 2020 wurden in der englischsprachigen Literatur 157 Fälle oraler Myiasis beschrieben (basierend auf PubMed, Ovid, Web of Science, Scopus und LILACS). Die Erkrankung ist hauptsächlich unter der armen Bevölkerung tropischer Regionen verbreitet. Sie tritt infolge der Invasion von Parasiten in unbehandelte offene Wunden der Mundhöhle auf.

Prädisponierende Faktoren:

  • Unzureichende Mundhygiene
  • Niedriger sozioökonomischer Status
  • Schwere Erkrankungen des Bewegungsapparates
  • Neurologische und psychische Störungen
  • Keine Möglichkeit, rechtzeitig medizinische Hilfe zu erhalten

Epidemiologie

  • Geografie: häufiger in tropischen und subtropischen Regionen (Lateinamerika, Südostasien, Afrika); sporadisch in jeder Region möglich
  • Alter: Extreme Altersgruppen: Kinder < 10 Jahre und ältere Menschen > 60 Jahre
  • Geschlecht: Männer ≈ Frauen (Unterschiede eher auf sozialen und hygienischen als auf geschlechtsspezifischen Faktoren beruhend)
  • Risikogruppen:
    • Obdachlose
    • Patienten mit psychischen Störungen
    • Alkoholismus/Drogenabhängigkeit
    • Schwere somatische Erkrankungen (muskuloskelettale, neurologische und psychische Störungen)

Ätiologie

Haupterreger (Larven)

  • Chrysomya bezziana: die aggressivste Art
  • Cochliomyia hominivorax
  • Lucilia sericata (Goldfliege)
  • Sarcophagidae
  • Dermatobia hominis
  • Oestrus ovis: weniger häufig, jedoch auch orale Fälle beschrieben
  • Musca domestica (Stubenfliege)

Ansteckungsfaktoren

  • Vernachlässigte Mundhygiene
  • Unbehandelte offene Wunden, Geschwüre, Extraktionsalveolen
  • Neuropathie/Parese
  • Immundefekt

Pathogenese und Pathophysiologie

Zur Eiablage sucht das Weibchen einer ausgewachsenen Fliege nach Ansammlungen von verrottendem organischem Material, wie beispielsweise einer unbehandelten Wunde in der Mundhöhle. Ausgewachsene weibliche Fliegen legen ihre Eier instinktiv dort ab, wo die wenig beweglichen Larven mit ausreichend Nahrung versorgt werden.

Je nach Fliegenart schlüpfen die Eier innerhalb von 8 bis 24 Stunden. Die geschlüpften Larven beginnen, sich vom umgebenden Gewebe zu ernähren, wodurch sie sowohl mechanische als auch physische Schäden verursachen, da sie Toxine absondern, die das Gewebe des Wirts zerstören. Die Larven schließen ihre Entwicklung nach 5 bis 7 Tagen ab, kriechen dann aus der Wunde heraus und fallen zu Boden, um sich zu verpuppen.

Larven von Cochliomyia hominivorax in einer Wunde in der Mundhöhle
Larven von Cochliomyia hominivorax in einer Wunde in der Mundhöhle: 3D-Modell
  1. Inokulation: Das Fliegenweibchen legt 100–300 Eier auf die Wundoberfläche.
  2. Inkubation: Innerhalb von 8–24 Stunden schlüpfen die Larven der ersten Stufe und dringen in das Gewebe des Wirts ein.
  3. Mechanische Zerstörung: Mundhaken und proteolytische Enzyme der Larven führen zu einer Gewebenekrose beim Wirt und zum Auftreten einer Sekundärinfektion.
  4. Bildung einer Immunantwort: Als Reaktion auf die Invasion des Parasiten bildet sich eine Immunantwort sowohl auf systemischer als auch auf lokaler Ebene:
    • Systemisch: akute entzündliche Infiltration (erhöhte Werte von Leukozyten im Blut: Neutrophile, Eosinophile)
    • Lokal: Bildung von Granulationsgewebe und einer fibrösen Kappe/Pseudozyste
  5. Zyklusende (Zykluslänge: 5–7 Tage): Am Ende ihrer Entwicklung verlassen die Larven das Gewebe des Wirts und verpuppen sich in der Umgebung.

Klinik

Beschwerden

Hauptbeschwerden der Patienten:

  • Unbehagen, Schmerzen (von leicht bis stark) im Bereich der Larvenansammlung
  • Ödem
  • Blutende Geschwüre
  • Vergrößerung der Lymphknoten
  • Eiterausfluss aus dem betroffenen Bereich
  • Allgemeine Intoxikationssymptome: erhöhte Körpertemperatur, Fieber, Schwäche (häufiger bei Patienten mit geschwächtem Immunsystem im Zusammenhang mit chronischen Begleiterkrankungen)

Lokale Manifestationen (Status localis)

Das klinische Bild hängt in erster Linie von der Lokalisation des von Larven befallenen Bereichs ab. So kommt es beispielsweise bei einer Lokalisation des Parasiten im Bereich der Wunde an der Oberlippe zu einer Gesichtsasymmetrie aufgrund einer kollateralen Schwellung der Weichteile der Oberlippe. Bei einer Lokalisation des Entzündungsprozesses im Bereich des harten Gaumens hingegen bleibt die Gesichtsform unverändert.

Gemeinsame Merkmale des betroffenen Bereichs umfassen:

  • Ödem, Hyperämie der Schleimhaut
  • Vorhandensein eines schmerzhaften Infiltrats
  • Sichtbare Anwesenheit von Larven

Bei einer Sekundärinfektion kann es auch zu Eiterausfluss aus dem betroffenen Bereich und zu einem fauligen Geruch kommen. Die regionären Lymphknoten (meist die submandibulären Lymphknoten) können bei Palpation vergrößert, beweglich, weich und schmerzhaft oder leicht schmerzhaft sein.

Diagnostik

1. Anamneseerhebung und Untersuchung

  • In der Anamnese können folgende Faktoren festgestellt werden: niedriger sozioökonomischer Status, schwere Erkrankungen des Bewegungsapparates, neurologische und psychische Störungen
  • Beschwerden über Schmerzen und Schwellungen im Bereich offener Wunden in der Mundhöhle
  • Dauer der Symptome: oft 2 bis 7 Tage, bedingt durch die Lebensdauer der Parasiten

2. Klinische Untersuchung

Es werden weiße/cremefarbene Larven und/oder Eier unmittelbar visualisiert.

Aussehen der Larven von Cochliomyia hominivorax
Aussehen der Larven von Cochliomyia hominivorax: 3D-Modell

3. Instrumentelle Untersuchungsmethoden

CT des Mund-, Kiefer- und Gesichtsbereichs wird eingesetzt, wenn die Ausbreitung in die tiefen Weichteile vermutet wird (selten).

4. Laboruntersuchungen

  • Blutbildbestimmung: Leukozytose mit Eosinophilie (bis zu 15 %)
  • Bakterienkultur aus der Wunde: zur Bestimmung der Sekundärflora und der Empfindlichkeit gegenüber Antibiotika

Die Diagnose wird in erster Linie basierend auf der Visualisierung von Larven oder Eiern des Parasiten in der Wunde des Patienten gestellt!

Therapie

1. Mechanische Entfernung (Goldstandard)

  • Instrument: sterile Pinzette nach Crane-Kaplan oder Kürette
  • Verfahrenstechnik:
  1. Infiltrationsanästhesie mit Lokalanästhetika (Lidocain 2 %, Articain 4 % mit Epinephrin)
  2. Ggf. Erweiterung der Eingangsöffnung mit einem Skalpell für eine bessere Sichtbarkeit
  3. Entfernung der Larven im Ganzen mit einer Pinzette oder einer Kürette (dabei sollte ein Zerreißen der Larve vermieden werden)
  4. Lokale Spülung mit lokalen Antiseptika (z. B. mit Chlorhexidin-Lösung 0,05 %)

2. Medikamentöse Behandlung

Aufgrund der Seltenheit und des geringen sozialen Stellenwerts der Erkrankung gibt es keine allgemein anerkannten Behandlungsrichtlinien. Unter den zur Behandlung eingesetzten Arzneimitteln lassen sich grob vier Gruppen unterscheiden:

  1. Erstickungsmittel: Terpentin, Mineralöle, Chloroform, Ethylchlorid, Quecksilberchlorid, Kreosot, Phenol (sie erzeugen eine anaerobe Umgebung im Inneren der Wunde, wodurch aerobe parasitäre Larven an die Oberfläche getrieben werden, was ihre Entfernung erleichtert)
  2. Antiparasitika: Ivermectin 1 % als Gel, Thiabendazol 5 % als oromukosale Paste (lokal 2–3-mal täglich)
  3. Systemische Antibiotika (bei Sekundärinfektion eingesetzt): Amoxicillin/Clavulansäure 875/125 mg (je 1 Tablette 2-mal täglich × 5–7 Tage), Clindamycin 300 mg (je 1 Tablette 2–3-mal täglich × 5–7 Tage)
  4. Nicht steroidale Antirheumatika (NSAR) bei Bedarf: Ibuprofen 400 mg bis zu 3-mal täglich

3. Chirurgische Behandlung (bei Komplikationen empfohlen)

Je nach Fortschritt des Prozesses sind zusätzliche Eingriffe empfohlen:

  • Bei einem tiefen, granulierenden Defekt: Kürettage und primärer Wundverschluss
  • Bei ausgedehnten Defekten: plastische Operationen zur Wiederherstellung des geschädigten Gewebes
  • Bei Osteomyelitis des Unterkiefers: Sequestrektomie in Kombination mit einer Antibiotikatherapie

4. Rezidivprophylaxe

  • Aufklärung über die angemessene Mundhygiene
  • Sanitäre Behandlung der Mundhöhle (mit Chlorhexidin 0,12 % 2-mal täglich über 1 Woche)
  • Korrektur von Begleiterkrankungen
  • Soziale Maßnahmen: Verbesserung der Hygiene, Gesundheitsaufklärung, Schutznetze gegen Fliegen

FAQ

1. Was ist eine orale Myiasis?

Orale Myiasis ist eine seltene parasitäre Erkrankung, die durch das Eindringen von Fliegenlarven in das Weichgewebe der Mundhöhle des Menschen verursacht wird. Der pathologische Prozess entwickelt sich, wenn weibliche Insekten Eier in offene Wunden, Geschwüre oder auf die beschädigte Schleimhaut ablegen. Die geschlüpften Larven ernähren sich aktiv vom Gewebe des Wirts, was zu mechanischer Zerstörung, Nekrose und ausgeprägter Entzündung führt, die mit Schmerzen, Schwellung und systemischer Intoxikation einhergeht.

2. Ist orale Myiasis ansteckend?

Die Erkrankung ist nicht kontagiös und wird weder durch direkten Kontakt zwischen Menschen noch durch Tröpfcheninfektion übertragen. Die Invasion ist ausschließlich bei direktem Kontakt der Fliegenweibchen mit der Wundoberfläche des Patienten möglich. Eine Isolation des Patienten ist nicht erforderlich, jedoch muss der betroffene Bereich physisch vor einem erneuten Befall durch Insekten geschützt werden.

3. Kann sich eine gesunde Person im Schlaf anstecken?

Bei immunkompetenten Personen mit normalen Reflexen und einer angemessenen Abwehrreaktion besteht kein Infektionsrisiko, da unter normalen Umständen das Eindringen und die Vermehrung des Parasiten verhindert werden. Für eine erfolgreiche Invasion ist das Fehlen einer aktiven Abwehrreaktion seitens des Wirts erforderlich, was bei Bewusstlosigkeit, unter dem Einfluss psychoaktiver Substanzen oder bei Lähmungen der Fall sein kann.

4. Zu welchen Folgen kann die Erkrankung führen, wenn sie nicht behandelt wird?

Ohne rechtzeitige Therapie können die Larven die Weichteile des Gesichts zerstören, was zu erheblichen kosmetischen Mängeln und Funktionsstörungen führt. Zu den schwerwiegendsten Komplikationen zählen die Ausbreitung des Prozesses auf das Knochengewebe mit der Folge einer Osteomyelitis des Kiefers, das Eindringen der Erreger in die Nasennebenhöhlen oder die Augenhöhle sowie die Entwicklung von Sepsis und Meningitis, was eine unmittelbare Lebensgefahr für den Patienten darstellt.

Quellenverzeichnis

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VOKA 3D Anatomy & Pathology – Complete Anatomy and Pathology 3D Atlas (VOKA 3D Anatomie und Pathologie – Vollständiger 3D-Atlas der normalen und pathologischen Anatomie) [Internet]. VOKA 3D Anatomie und Pathologie.

Verfügbar unter: https://catalog.voka.io/

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Passos JBSD, Coelho LV, De Arruda JAA, De Oliveira Silva LV, Valle IBD, De Souza Santos M, De Figueiredo EL, Abreu LG, Mesquita RA. Oral myiasis: Analysis of cases reported in the English literature from 1990 to 2020. Special Care in Dentistry [Internet]. 2020 Oct 30;41(1):20–31.

Verfügbar unter: https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33125723/

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Francesconi F, Lupi O. Myiasis. Clin Microbiol Rev. 2012;25(1): 79-105.

4.

Hall MJR. Traumatic myiasis of humans in the Old World. In: Service MW, ed. Encyclopedia of Arthropod-transmitted Infections. 2001: 363-375.

5.

WHO. Guidelines for the management of myiasis. 2020 update.

6.

Costa DC, et al. Oral myiasis: a systematic review of 128 cases. J Oral Maxillofac Surg. 2021;79(8): 1655-1664.

7.

Zumpt F. Myiasis in Man and Animals in the Old World. London: Butterworths; 1965.

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